Chessfestival 2003
von Veronika Kiefhaber
Nach einem Jahr haben Holger (Kiefhaber, Anm. der Redaktion) und ich uns endlich mal wieder dazu aufgerafft, bei einem Open mitzumachen, und - das kam fast überraschend - es hat viel Spaß gemacht. Durchaus eine Rolle dabei hat sicherlich gespielt, dass wir recht erfolgreich waren.
Das Chessfestival in Baden-Baden bestand (Vorsicht, die Titel der Turniere sind etwas unübersichtlich) aus dem Meisteropen, dem Open, dem Senioren- und dem B-Turnier. Im Meisteropen dominierte Suat Atalik das Feld deutlich und gewann mit 7,5/9 und einem Punkt Vorsprung vor Vladimir Baklan, Fabian Döttling, der eine GM-Norm erspielte, Andreas Schenk und Konstantin Aseev. Von den KSF nahmen Clemens (4,5/9), Lothar (4,5) und Hajo (4,5) am Meisteropen teil. Im Seniorenturnier siegte Alfred Osthof mit 6,5/7, Oskar Nadenau erreichte 4/7.
Die Teilnehmerliste im Open überraschte uns etwas: Wo waren all die Titelträger, die normalerweise bei einem solchen Turnier zu erwarten sind? Immerhin waren der erste Preis stolze 1000 Euro! Tja, die hatten sich wohl alle im Meisteropen versammelt, was dazu führte, dass im Open kein GM oder IM zu finden war.
Das Turnier begann für uns erfreulich, wir starteten mit 2/2. Am zweiten Tag hatten wir auch gleich die erste Doppelrunde durchzustehen - zurecht gefürchtet, denn unsere Kondition war miserabel. Ich beschloss schon bald, die zweite Hälfte des Nachmittags mit Zuschauen zu verbringen und endlich mal einen Blick auf das Meisteropen zu werfen, und einigte mich mit meinem Gegner Philipp Neerforth (2027) auf Remis. Nach einigen Stunden kam Holger gegen Alexander Probst (2096) trotz zwischendurch klaren Vorteils zum gleichen Ergebnis. Am Montagvormittag gab es dann eine kleine Verschnaufpause, am Nachmittag den Gegnertausch. Mit Schwarz holten wir immerhin 1,5/2 gegen die beiden Vortagsgegner, wobei mir ein schöner Sieg gelang.
Ab Montagnachmittag spielten wir sozusagen durchgehend bis zum Mittwoch. Die Doppelrunde am Dienstag verlief typisch für uns: Holger (der alle Partien am Morgen mit Start um 9 Uhr gewann) siegte morgens (gegen Holger Stork, 2103), ich (3,5/4 aus den 15-Uhr-Runden) gewann nachmittags. Für Insider bemerkenswert: Holger punktete in seiner Partie am Morgen schon zum zweiten Mal in diesem Turnier durch Zeitüberschreitung des Gegners (allerdings auch jeweils mit Gewinnstellung für Holger) und hatte überhaupt in allen Partien die bessere Zeit! Ich machte morgens mit einem Bauern mehr, in einer Blockadestellung und immer langsamer werdend mit Oliver Günthner (2298) remis, um dann am Nachmittag den starken "Altmeister" Eduard Bakhmatov (2311) vorgesetzt zu bekommen. Nach alter russischer Schule kämpfte dieser auch nach einem Patzer noch trickreich weiter, doch in Zeitnot unterlief mir kein schlimmer Fehler, sodass ich vor der letzten Runde 5/6 aufweisen konnte. Damit führte ich die interne Familienwertung an, denn Holger kam über ein Remis gegen Jeronimo Hawellek (2197) nicht hinaus, obwohl er das erste Angebot noch abgelehnt hatte.
In der letzten Runde gab es die für die Zuschauer besonders interessante Begegnung an Brett 1: Kind gegen Frau. Das ließen sie sich auch nicht entgehen und standen stets scharenweise um das Brett herum... "Das Kind" war der elfjährige Dennis Kharchenko (2157), der furios mit 5/5 gestartet war, sich in der 6. Runde ein Remis gegen den Elofavoriten Horst Vonthron erlaubt hatte und kaum übers Brett schauen konnte. Nichtsdestotrotz spielte er schnell und stark, und nach 40 Zügen hatte ich einen Bauern weniger und eine unangenehme, passive Stellung auf dem Brett. Holger hatte inzwischen seinem Gegner Ewgeni Pogorelow (2081) die Partie überzeugend abgenommen und erklärte mir, dass wir mit einem Remis von mir punktgleich und zufrieden sein würden. Dafür hatte ich eigentlich nur ein müdes Lächeln übrig und überlegte mir bereits aufzugeben, als der Knabe ins gewonnene Endspiel abgewickelt hatte. Um den Zuschauern nicht den Spaß zu nehmen, wollte ich aber den gegnerischen Bauern doch noch bis a7 laufen lassen und erst dann die Hand rüberreichen. Doch es kam alles ganz anders: Statt den eigentlich leicht zu sehenden Gewinnweg zu wählen, tauschte Kharchenko seinen a-Bauern und die Türme ab, und wir landeten mit jeweils einigen Minuten für den Rest der Partie in einem Springerendspiel mit Bauer mehr, aber nur noch kleinen Gewinnchancen für meinen Gegner. Richtig aufregend wurde es nochmal, als der Kleine mit zwei Bauern gegen einen im Springerendspiel bestimmt 30-mal hin- und hergezogen hatte, ohne Gewinnversuche zu unternehmen, ich aber nicht beim Schiedsrichter reklamierte, sondern stattdessen meinen König im Schach stehen ließ. Der unmögliche Zug hatte eine Zeitgutschrift für meinen Gegner zur Folge - und das bei vielleicht noch einer Minute auf meiner Uhr. Nachdem Kharchenko den Springer endlich geopfert hatte, konnte ich die beiden Bauern aber blockieren, und die Aufregung hatte für die Zuschauer, naja und für die Spieler, endlich ein Ende. Fast überflüssig zu sagen, dass meine Partie mal wieder die letzte Partie aller Turniere war...
Das Talent gewann das Turnier dennoch mit 6/7 punktgleich vor Jeronimo Hawellek. Bemerkenswert war übrigens auch die Vorbereitung des Jungen: Die Partie gegen Eberlein war tatsächlich 25 Züge lang (mit Läuferopfer auf h7 und allem drum und dran bis zur Gewinnstellung für Weiß) identisch mit Polugajevsky gegen Tal von 1969, habe ich mir sagen lassen ;-) Dass Eberlein diese Variante spielt, konnte man aus der Datenbank entnehmen. Die Vorbereitung gegen mich war auch sehr spaßig: Die Trainer des Jungen fanden nur meine (wenig erfolgreichen) Partien aus der letzten Damenbundesliga-Saison, da sie meinen Mädchennamen nicht kannten. Da hatte Kharchenko wohl keinen großen Respekt!
Den dritten bis achten Platz teilten sich mit 5,5/7 (nach Buchholz) Horst Vonthron, ich, Wolfgang Eberlein, Holger, Oliver Günthner und Vilmos Kubacsny. Bei der Siegerehrung mussten alle Preisträger auf der Bühne bleiben, so dass sich nach Ehrung des Meisteropens, des Opens, des Senioren- und des B-Turniers nahezu die Hälfte der Personen im Saal auf der Bühne drängelten. Fazit: Es war richtig nett!
Ergebnisse und Bilder gibt es übrigens hier zu sehen: http://www.chessfestival.de