Sieben Tage Schach total bei den Deutschen Jugendeinzelmeisterschaften vom 11. bis 17.5.2008 in Willingen


Von Clemens Werner

Die KSF sind dieses Mal mit drei Kandidaten vertreten, die alle auch letztes Jahr schon dabei waren:
Joshua Hager und Slavik Sarchisov (beide U14) sowie Paula Wiesner (U10). Alle drei werden von den ganzen Familien begleitet und sind in Ferienwohnungen untergebracht. Jason und Julius Hager spielen wie schon letztes Jahr beim offenen U25-Turnier mit.
Michail Petermann, in den vergangenen Jahren auch regelmäßig dabei, hätte nur als badischer Meister teinehmen dürfen, das hat dieses Jahr nicht geklappt. Ilya Bykov ist bei der zweiten Qualifikationschance in Birkenfeld nur knapp gescheitert, vielleicht ist er nächstes Jahr mit von der Partie?

1.Tag:
Am Pfingstsonntag beginnt das Turnier gleich mit einer Doppelrunde. Paula startet mit zwei Siegen (siehe Partie 3).
Slavik hat in seiner ersten Partie unter einer frühen Ungenauigkeit zu leiden. Unter Mithilfe des Gegners kann er sich halten und sogar gewinnen (siehe Partie1). Joshua erreicht in der ersten Runde einen kleinen Vorteil, der aber trotz großer Mühe nicht zum Sieg ausreicht. Bei seinen Gewinnversuchen riskiert er viel, steht zeitweilig sogar auf Verlust (siehe Partie 2). Die Nachmittagspartie läuft bei Joshua ganz schlecht, er verliert trotz Eröffnungsvorteil in einem spannenden Königsinder durch einen Fehler. Er war heute durch eine Erkältug ziemlich geschafft. Slavik kämpft seinen Gegner Titgemeyer in einem fast ausgeglichenen Turmendspiel nieder. Nach knapp sechs Stunden gibt Weiß in Remisstellung auf ( Diagramm 1 und Partie 9 ).
2.Tag:
Slavik, der übrigens per Telefon Instruktionen von seinem Trainer Gurevich erhält, bekommt am Spitzenbrett den starken T.Schreiner. Er verliert durch eine nicht sehr schwierige Kombi die Qualität und trotz einiger Angriffschancen auch die Partie. Joshua kann seinen mit Schwarz errungenen kleinen Eröffnungsvorteil nicht behaupten, es droht sogar Nachteil. Aber dann entsteht eine zweischneidige Stellung, ganz nach Joshuas Geschmack. Er kann sein taktisches Gespür einsetzen und nutzt einen Fehler des Gegners Elkmann zum effektvollen Schlussangriff
(Diagramm 2 und Partie 10).
Paula hat heute schon wieder eine Doppelrunde. Und sie gewinnt schon wieder, 3:0!! Nachmittags muss sie gegen Xiong (1500) antreten. Sie kommt in Vorteil, gewinnt eine Qualität, läuft dann aber in ein Mattnetz- nur noch 3:1.
3.Tag:
Vormittags läuft es weder für Slavik noch für Joshua gut. Slavik erreicht zwar mit vier Bauern gegen einen Springer Gewinnstellung, stellt dann aber den wichtigsten Bauern ein und nimmt frustriert das Remisangebot des Gegners an. Joshuas Gegner klammert den Damengambitbauern fest und steht sogar besser, hat aber nur wenig Zeit - remis.
Paula lässt sich mit einem gut eintrainierten Rentner-Angriff überrollen, 3:2
4. Tag:
Heute gewinnt Paula am Vormittag eine schlechtere Stellung unter freundlicher Mithilfe des Gegners, 4:2! Nachmittags müssen wieder alle spielen. Paula spielt gegen Donchenko, DWZ 1707.
Sie stellt schnell serienweise Material ein und sichert sich so noch einen langen freien Nachmittag.
Slavik bekommt gegen F. Bräuer eine chancenreiche Angriffsstellung, aber er opfert seinen Springer auf g7 einen Zug zu früh. Der Gegner verteidigt sich dann ziemlich gut. Am Schluss hat er Turm und zwei Leichtfiguren für Slaviks Dame, da geht nichts mehr. Joshua braucht in guter Stellung zu viel Zeit (eine halbe Stunde für einen Zug), erreicht aber eine gewinnverheißende Druckstellung. Doch – oh Schreck – statt den Druck aufrecht zu erhalten, wickelt er in ein Endspiel mit Minusbauer ab. Sollte das die dritte Niederlage dieses schwarzen Nachmittags werden? Aber jetzt verteidigt er die schlechte Stellung zäh und hält ein Remis. Nach diesem Tag müssen wir einsehen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen: Nach sechs bzw. bei Paula sieben Runden haben die drei KSFler jeweils +1 erspielt. Wer kann jetzt noch zum Endspurt ansetzen?
5. Tag:
Paula spielt wieder vormittags, gegen den Sohn des württembergischen Meisterspielers Gheng.
Eine wilde Partie, in der jeder mal auf Gewinn steht, endet am Schluss remis (siehe Partie 5)
Aber Joshua, der ja ganz schlecht aus den Startlöchern kam, biegt ein ausgeglichenes Endspiel gegen F. Wendling um (siehe Partie 4) und hat sich mit 4,5 aus 7 wieder im Rennen um die vorderen Plätze zurückgemeldet.
Slavik verteidigt eine sehr passive Pirc-Verteidigung zäh und erreicht kurz nach der ersten Zeitkontrolle Ausgleich. Doch als sein Gegner ihm die Gelegenheit bietet, sogar selbst in Vorteil zu kommen, stellt er statt dessen einen entscheidenden Bauern ein. Er kämpft zwar noch eine Weile, muss aber ein hoffnungsloses Bauernendspiel aufgeben und hat nach seinem Superstart jetzt nur noch 50%.
6.Tag:
Joshua bekommt den alleinigen Spitzenreiter Jens Kotainy vorgesetzt. Das kann ihm nur recht sein,
heute muss er zeigen, was er kann. Das gelingt ihm auch prima. Nur zeigt Kotainy leider, dass er auch etwas kann. Mit Weiß spielt er gegen Joshuas Sizilianer 2.c3 und bricht einen starken Angriff vom Zaun. Die meisten Zuschauer sehen Joshua auf der Verliererstraße, auch Kotainy selbst glaubt zu gewinnen. Doch mit einem für fast alle, auch Kotainy selbst, unerwarteten – allerdings auch unvermeidlichen - Damenopfer gegen Turm, Läufer und Bauer bietet Joshua dem Tabellenführer Paroli. Der wiederum bietet Joshua nach gründlicher Stellungsprüfung remis an. Slavik remisiert auch und bleibt bei 50%. Schade, er hat einen Franzosen gut behandelt und steht glatt auf Gewinn. Statt das Endspiel zu gewinnen oder das leicht zu sehende Matt in drei zu geben, lässt er in Zeitnot Neumair am Leben (siehe Partie 6). Paula verliert vormittags ein Endspiel. Fehlt ihr – wie letztes Jahr - gegen Ende des Turniers doch noch die Kondition? Nein!! Am Nachmittag gewinnt sie in großem Stil.
7. Tag ( = Schlusstag):
Paula spielt Russisch! Und sie gewinnt wieder. Endstand also 6,5: 4,5, zwei Punkte mehr als letztes Jahr,vierte der Mädchen U10 und 22. bei der gemischten Meisterschaft. Das ist Spitze, sie ist ja erst acht, bald neun Jährchen jung.
Seit gestern weiß Joshua, dass er dieses Jahr mit etwas Glück und ohne Erkältung eine reale Chance auf den Titel gehabt hätte. Das ist eine Quelle großen Selbstvertrauens. Und das äußert sich heute folgendermaßen: Nach drei Jahren Pause eröffnet Joshua als Weißer gegen den einen Punkt vor ihm liegenden T.Schreiner mal wieder mit dem Königsbauern. Sein Gegner muss sich wahrscheinlich vor Schreck am Stuhl festhalten. Er ist ein eingefleischter Najdorfler und spielt schließlich 1. ...c5. Seine möglicherweise stundenlange Vorbereitung gegen Joshuas Königsindische Varianten war „für die Katz". 2. Sc3! Geschlossen? Na gut, 2. ...Sc6. Aber nun lässt Joshua diese Katze aus dem Sack: es kommt 3.Sf3! Die ersten drei Züge bringen also gleich drei Überraschungen. Psychologisch hat Joshua den Punkt egentlich schon eingefahren!
3. ...d6 4. d4! Also doch offen, aber kein Najdorf. Nun befinden sich ja beide Spieler auf fremdem Terrain!? Aber jetzt kommt die nächste gute Nachricht:
Joshua kennt sich nicht nur in seinen „Spezialvarianten" aus, sondern auch in scheinbar „fremdem Terrain". T.Schreiner verliert jedenfalls schnell einen Bauern und dann ein chancenloses Turmendspiel (siehe Partie 7). Mit sechs Punkten (aus neun) teilt Joshua Platz 2-5, hat aber die schlechteste Wertung. Slavik gewinnt die wechselhafte Schlussrunde auch, obwohl er nach der ersten Zeitkontrolle auf Verlust steht. Aber schon fünf Züge später hat sich das Blatt völlig gedreht ( siehe Partie 8, Schindlbeck-Sarchisov ). Slavik kommt so auf gute fünf Punkte, Platz 9 (8-11).
So, das wars. Am Abend ist Abschlussfeier mit Siegerehrung, am 8. Tag (Sonntag) ist Heimreise... Ach, übrigens: am"zehnten Tag" (Dienstag) kommt das nächste Schachturnier, in Neuhausen. Alle drei Schachfreaks sind dort auch wieder mit von der Partie....