9. 12. 2007 · von Frank Wiesner
Vom 17. bis 29. November fand in Kemer (ca. 60 km von Antalya / Türkei) die Jugend-Weltmeisterschaft 2007 statt. Zum zweiten Mal gab es auch Wettkämpfe in der Altersklasse U8. Der Deutsche Schachbund hatte sich dieses Jahr entschieden, erstmals eine Spielerin in dieser Altersklasse teilnehmen zu lassen, und dafür wurde Paula Wiesner als beste deutsche U8-Spielerin bei den Mädchen nominiert. Insgesamt bestand die deutsche Delegation aus 26 Spielern.

Kemer (eigentlich der Ortsteil Kiris) ist ein kleiner Badeort am Mittelmeer, der aus etwa einem Kilometer Straße entlang der Küste mit Hotels und Souvenirläden besteht. Die Hotels passten architektonisch halbwegs in die Landschaft und waren meist auch mit schönen Grünanlagen ausgestattet. Eingerahmt wurde der Ort von den Bergen des Taurusgebirges. Die Nachsaison lag in den letzten Zügen, nach der Schach-WM machten alle Hotels bis auf eins zu. So waren aber ausreichende Hotelkapazitäten für insgesamt 1.400 Spieler und 1.000 Begleitpersonen vorhanden, alles war in Laufdistanz und zusätzlich verkehrten Shuttlebusse.
Die Anreise verlief unproblematisch, die Temperaturen waren im Vergleich zu Deutschland angenehm, der Strand befand sich gleich hinter dem Hotel. Wir waren auch öfter im Meer baden (22 Grad Wassertemperatur), für einen reinen Badeurlaub würde ich den Strand aber nicht unbedingt weiterempfehlen. Für richtige Urlaubsstimmung wurde es auch abends etwas zeitig dunkel (gegen 17 Uhr), aber das war ja auch nicht der Zweck der Reise.
Gespielt wurde über 11 Runden, jeweils eine Runde am Tag mit Beginn um 15 Uhr und einer Doppelrunde (5 und 6) um Platz für einen spielfreien Tag in der Mitte zu schaffen.

Früh übt sich der Feind im böse gucken…
Vor der ersten Runde gab es am Eingang zum Spiellokal chaotische Zustände, da nur die Spieler hinein durften und sich am Eingang eine fast undurchdringbare Traube von nicht eingelassenen Erwachsenen bildete. Mit Paula auf den Schultern und viel Körpereinsatz und Nahkampftechnik gelang mir noch der Durchbruch und mit 30 Minuten Verzögerung startete dann auch die Runde noch ordnungsgemäß. Leider gab es keine vernünftigen Aufenthaltsmöglichkeiten für die Eltern und Betreuer, die Hallen waren für das Rekordteilnehmerfeld etwas unterdimensioniert. Die Probleme beim Einlass hatten die Organisatoren am Folgetag gelöst, die Erwachsenen wurden auf einem Tennisplatz „zwischengeparkt“ und jede Delegation bekam ein kleines Kontingent an Besucherkarten, mit denen man ab und zu kurz in den Spielsaal durfte.
In der ersten Runde hatte Paula mit den schwarzen Steinen lange einen kleinen Stellungsvorteil, verlor aber nach 3 ½ Stunden im Bauernendspiel erst den Faden und dann die Partie. Die Runden 2 bis 6 liefen wechselhaft, aber kraftsparend ab bei einer durchschnittlichen Partiedauer von reichlich 2 Stunden. In den drei Weißpartien ließen sich die Gegnerinnen willig abschlachten, in den beiden Schwarzpartien kam Paula schnell unter die Räder. So standen vor dem Ruhetag 3 Punkte aus 6 Partien auf dem Konto. Ob sich die Schwarzseuche in der zweiten Hälfte legt?
Am Ruhetag unternahm die deutsche Delegation einen Busausflug. Beim Abstecher ins Hinterland sahen wir, dass es in den Dörfern abseits der Touristenzentren doch recht ärmlich zugeht. Seltsamerweise wurde der Bus von einem Polizeiauto zu unserem Schutz begleitet - Antalya liegt übrigens nicht im PKK-Gebiet.
Laut Ausschreibung sollte es kostenlosen drahtlosen Internetzugang in der Hotellobby geben, weil aber nahezu jeder einen Laptop mit hatte brach das Netz wegen Überlastung regelmäßig zusammen. Das war lästig, denn die ausgehängten Zettel mit den Paarungen der U8 Girls wurden regelmäßig geklaut. Die Auslosung habe ich mir dann meist telefonisch aus der Heimat durchgeben lassen. Am besten kam man noch während der Runden ins Netz, wenn sich alle vor dem Spielsaal drängten. Die geschäftstüchtigen Veranstalter stellten die Dateien der Partien erst mit Verzögerung ein, um den Absatz der gedruckten und käuflich erwerbbaren Bulletins anzukurbeln. Guter Umsatz wurde auch mit dem Merchandising von stolz bepreisten WM-Memorabilia gemacht. Auch war es in der Zwischenzeit zu einer wundersamen Vermehrung der Besucherkarten gekommen, die man für 100€ kaufen konnte. (Das Kaufen war formell als Nachregistrierung getarnt.) Dadurch herrschte in den Spielsälen etwas Gedränge.
Um unerlaubter Hilfe vorzubeugen sorgten die zahlreichen Schiedsrichter allerdings rigoros dafür, dass niemand zu lange an einem Brett stehen blieb, auch ich wurde ein paar mal von interessanten Stellungen anderer deutscher Spieler weggeschoben. Bei verdächtigen Verhalten wurden auch schon Besucherkarten eingezogen, was natürlich nicht lautlos vonstatten ging. Da es um viel geht wird auch mit allen Mitteln gekämpft, von harmloseren Psychoterror über bewusste Falschreibung des Namens beim Anmelden (dann hat ein ELO 2300er in der U16 auf einmal keine Zahl mehr und keine Partien in den Datenbanken) bis zum Abstreiten, eine Figur berührt zu haben. Bei Aussage gegen Aussage muss sie dann halt nicht gezogen werden, und zusätzlich ist der Gegner völlig von der Rolle – Paula ist das zum Glück aber nicht passiert.
Die erwähnte Schwarzseuche setzte sich in der siebenten Runde leider fort, und in Runde acht bekam Paula noch einmal Schwarz gelost. Dort landete sie in einem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern und gleicher Bauernanzahl. Paula wollte unbedingt gewinnen und nach 4 ½ Stunden (alle anderen Deutschen waren schon fertig) war der Punkt eingefahren. Fazit: Kämpfen lohnt sich und auch so ein Endspiel ist nicht automatisch Remis, sondern muss korrekt verteidigt werden!
Bei noch drei ausstehenden Runden wird die Kondition langsam ein entscheidender Faktor. Vielleicht war es am Vortag dann doch etwas zu anstrengend gewesen, denn in Runde 9 wurde ein Springer und damit die Partie eingestellt.
Die letzten beiden Runden durften Zuschauer nur für die ersten zwei Stunden in den Spielsaal, um in dieser entscheidenden Phase möglichst Einflussnahme von außen zu verhindern. Am Tag zuvor gab es auch den ersten offiziellen Protest wegen unerlaubter Hilfe in der Gruppe U12 weiblich.
In Runde 10 musste Paula wieder vier Stunden für den Punkt kämpfen – übrigens wieder ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern. Das scheint entgegen landläufiger Ansicht doch nicht immer Remis zu sein. In der letzten Runde musste sie mit Schwarz lange um den Ausgleich kämpfen, erreichte schließlich ein etwas vorteilhaftes Endspiel mit Läufer gegen Springer, bei dem die indische Gegnerin schließlich mitten auf dem Brett in ein schönes Matt lief.
In Anbetracht der starken Konkurrenz – vor allen in Asien wird immer zeitiger mit leistungssportlichen Training angefangen – waren wir mit den erreichten 6 Punkten aus 11 Partien zufrieden. Mit ihrer Spielweise hat Paula auch beim Bundesnachwuchstrainer einen guten Eindruck hinterlassen. Alles in allem war es ein gelungener Einstand auf der internationalen Bühne und für uns eine völlig neue Erfahrung.

Was soll es wohl bedeuten?