Tote Pferde und müde Damen

Simultanpartien und Lebendschach beim BSV-Jubiläum

100 Jahre Badischer Schachverband · 26.6.2010 · Bruchsal · Von Stefan Haas

 

Zum 100-jährigen Verbandsjubiläum kehrte der „Täter“ zum „Tatort“ zurück. In Bruchsal hatte am 8.2.1910 anlässlich eines Vergleichskampfes zwischen Heidelberg und Karlsruhe eine konstituierende Sitzung zwecks der Gründung des Badischen Schachverbands stattgefunden; am gleichen Orte traf man sich am 26. Juni 2010 zur Feier des 100-jährigen Bestehens.

Den Auftakt machte – gleichzeitig mit dem Verbandstag – eine Simultanvorstellung. Geplant waren eigentlich fünf Uhrenhandicaps badischer Großmeister gegen je 20 Spieler (das sollte zusammengerechnet die magische Zahl „100“ ergeben) – eine überaus optimistische Planung, wie sich schließlich herausstellen sollte. Denn in den letzten Jahren ist die Begeisterung des Schachvolkes für derartige Veranstaltungen (wenn nicht gerade Karpow oder Anand die Figuren führen) merklich abgekühlt.

So musste man sich damit begnügen, Fabian Döttling – den derzeit besten badischen Großmeister – gegen 23 Gegner in Aktion zu sehen.

Es war – wie er danach bekannte – sein erstes Uhrensimultan und er war zudem auf den Modus (2½ Stunden für die ganze Partie) mental nicht eben optimal vorbereitet. Dennoch war er kulant genug, den Gegnern die Farbwahl frei zu stellen. Unsere beiden Teilnehmer von den Karlsruher Schachfreunden – Lukas Pfatteicher sowie der Berichterstatter – wählten natürlich die weißen Steine.

Nach schnellem Start (für die ersten 10 Runden benötigte er zusammen 15 Minuten) spielte GM Fabian Döttling relativ bedächtig und benötigte 6-7 Minuten pro Runde, gewann aber 21 Partien zumeist mit klarer Überlegenheit. Unnötigerweise verlor er eine Partie in Gewinnstellung gegen eine Spielerin vom Land (DWZ < 1000; „blond, aber nicht blöd“) auf Zeit, während Lukas die folgende schöne Leistung erbrachte:

 

Lukas  Pfatteicher – GM Fabian Döttling

1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Le7 4.Sf3 Sf6 5.Lg5 h6 6.Lh4 0–0 7.e3 Se4 8.Lxe7 Dxe7 9.Dc2 Sxc3 10.bxc3 c5 11.cxd5 exd5 12.Le2 Le6 13.0–0 Tc8 14.Db2 Tc7 15.Tac1 Sd7 16.c4 Tac8 17.Tfd1 Lukas muss sehr weit vorausberechnet haben, so dass er bereits hier erkennen konnte, dass der Bauer a2 nicht ersatzlos verloren geht. 17...cxd4 18.cxd5 Txc1 19.Txc1 Txc1+ 20.Dxc1 Lxd5 21.Sxd4 Dc5 Die Variante 21...Lxa2 22.Da1 Ld5 23.Dxa7 De4 24.Lf1 hat er also bereits im 17. Zug gesehen! 22.Db2!? Nach 22.Dxc5 Sxc5 23.a3 kann Schwarz die Majorität am Damenflügel vermutlich nicht verwerten. 22...g6 23.Lf3 Se5 24.Lxd5 Dxd5 25.h3 b6 26.Da3 Dd7 27.Dc3 h5? Lukas hatte mit dem vorigen Zug eine raffinierte Falle aufgestellt und erwischt den Gegner auf dem falschen Fuß. Nach 27...Da4 28.Dc8+ Kg7 29.Dc7 Sc4 30.De7 hatte er aber zumindest das Dauerschach sicher. 28.f4! Nanu !? Das Pferd hat ja gar kein Rückzugsfeld! Nun muss es sich wehrlos schlachten lassen: 28...Sg4 29.hxg4 Dxg4 30.Dd2 h4 31.De2 Dc8 32.Sf3 h3 33.g3 1–0

 

Den hartnäckigsten Widerstand leisteten Manfred Herzog (Sulzfeld), Roland Debatin (Graben-Neudorf) und Simon Ohnmacht (Niefern-Öschelbronn), der schließlich im Kopf-zu-Kopf-Duell in remisverdächtiger Stellung ausgequetscht wurde.

Der Berichterstatter spielte zu schnell und zu oberflächlich in dem Bestreben, den GM auf der Uhr unter Druck zu setzen, und erlaubte ihm ein sehenswertes Finish:

 

Stefan Haas – GM Fabian Döttling

1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Le7 4.Sf3 Sf6 5.Lg5 h6 6.Lh4 0–0 7.e3 b6 8.Db3 Lb7 9.Lxf6 Lxf6 10.cxd5 exd5 11.Td1 Te8 12.Le2 c6 13.0–0 Sa6 14.Tfe1 Sc7 15.Ld3 Se6 16.Lb1 g6!? 17.a3 De7 18.La2 Tad8 19.Da4 La8 20.Dc2? Weiß spielt zu pomadig.  Besser war 20.e4 dxe4 21.Sxe4 Lg7 22.Lxe6 fxe6 23.Dc2 mit gutem Spiel. 20...Kg7 21.b4 h5 22.Te2 Dc7 23.Ted2 Tc8 24.Tc1!? Hier war der letzte Moment für 24.e4. 24…Ted8 25.Dd1 De7 26.Db3? Das ist der entscheidende Fehler. 26...c5! 27.dxc5 Bei noch zwei laufenden Simultanpartien schaltete sich GM Fabian Döttling in unsere Analyse abseits des Tischvierecks ein und zeigte, dass er auf 27.Se2 nicht etwa 27...c4 mit Einengung, sondern 27...cxd4 28.Txc8 Txc8 29.Sfxd4 Lxd4 30.exd4 Sxd4! mit Gewinn ziehen wollte. 27...d4 28.Sxd4 Lxd4 29.exd4 Sxd4 30.Db2 Meine letzte Hoffnung ruhte auf 30...Dg5? 31.Sd5 und Weiß gewinnt. 30…Sf3+ 0–1

 

Am frühen Nachmittag fand dann in der Arena am Bergfried eine Partie mit lebenden Schachfiguren statt. Lothar Arnold spielte einen Marsch zum Einzug der Akteure; zu den Kommentaren von Hans-Martin Hubel zauberten der badische Meister Andreas Heimann und die Großmeisterin Ketino Kachiani auf dem Brett; die eigentlichen Helden waren jedoch die Kinder des Bruchsaler Justus-Knecht-Gymnasiums, die in ihren schönen Kostümen unter der prallen Sonne einiges zu ertragen hatten. Schon bald sah man hohe Verbandsfunktionäre den schmachtenden Figuren immer wieder mit Wasserbechern zu Hilfe eilen; wenig später ermattete die schwarze Dame und musste durch die Akteurin einer bereits geschlagenen Figur ersetzt werden, wozu der Tausch der Kopfbedeckung genügte. Zudem erhitzten sich auch die schwarzen Felder der PVC-Folie unter der Sonneneinwirkung und so manche Figur begann unruhig hin-und herzutrippeln. Schließlich verweigerten die Meister – gemäß dem Wunsch des Publikums – die Zugwiederholung und die Qual wollte kein Ende nehmen; erst nach 50 langen Minuten, als Andreas Heimann längst eine klare Gewinnstellung hatte, einigte man sich auf Remis, um das „Spielmaterial“ zu schonen – Schade, denn wir hätten zu gerne noch eine Bauernumwandlung gesehen! Hier die Züge der Partie:

 

WGM Ketino Kachiani-Gersinska – IM Andreas Heimann

1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 b5 4.Sf3 Lb7 5.Dc2 Sa6 6.a3 bxc4 7.e4 e6 8.Lxc4 exd5 9.exd5 Sc7 10.0–0 d6 11.Te1+ Le7 12.Sc3 0–0 13.Dd3 Te8 14.Lf4 Dd7 15.Tad1 Lf8 16.Txe8 Txe8 17.h3 g6 18.Dd2 Lg7 19.Lh6 Lh8 20.Te1 Txe1+ 21.Sxe1 De7 22.Sc2 Sd7 23.Se3 Se5 24.Lf1 f5 25.Sc4 Sxc4 26.Lxc4 Ld4 27.Lg5 De5 28.Lf4 De7 29.Lg5 Lxc3 30.bxc3 De4 31.La2 Lxd5 32.Lxd5+ Sxd5 33.f3 De5 34.c4 Sb6 35.Ld8 Sxc4 36.Da2 d5 37.Lg5 Db2 38.Dxb2 Sxb2 39.Kf2 Kf7 40.Ke2 d4 41.Lc1 Sc4 42.f4 Ke6 ½–½