Endspurt in der Frauen-Bundesliga

Zentrale Endrunde in Bad Königshofen

1.FBL · 7.-9.6.2024 · Bad Königshofen · © Stefan Haas

Sollte ich im Vorfeld gehofft haben, mit Anmeldungen unserer Spielerinnen für die Zentrale Endrunde der Frauenbundesliga zugeschüttet zu werden, so wurde ich bitter enttäuscht. Zwei definitive Zusagen wurden ohne bzw. ohne plausible Begründung zurückgezogen, und zeitweilig stand ich mit nur vier Freiwilligen da. Zudem war die anstehende Aufgabe – schachlich gesehen – ziemlich undankbar; drei Kämpfe gegen deutlich stärkere Gegner, so dass eine Absage unserer Teilnahme an der Endrunde, auch im Hinblick auf unsere Kassenlage, finanziell gesehen das kleinere Übel dargestellt hätte. Wir wollten uns aber nicht unsportlich aus der Liga verabschieden, und als im letzten Moment Tatiana und Manuela einsprangen, mussten wir nur am Freitag ein Brett kampflos abgeben.

Zunächst mussten wir gegen Baden-Baden antreten. Zu allem Übel hatte ich noch die Farbverteilungen verwechselt und in der Absicht, Jessica eine Weißpartie zu geben, das zweite Brett freigelassen. Erst als wir an die Bretter kamen, fiel der Irrtum auf, doch nun war es zu spät. Jessica tröstete sich schnell damit, dass sie lieber mit Schwarz gegen Alexandra Kosteniuk als mit Weiß gegen Elisabeth Pähtz spielen wollte, und eine etwas müde Elisabeth Pähtz freute sich wie ein Schneekönig über einen spielfreien Tag.

    Karlsruher SF 1853 1932 0 : 6   OSG Baden-Baden 2411
1 WGM Jessica Schmidt 2179 0 : 1 GM Alexandra Kosteniuk 2507
2 (unbesetzt) 0 : 1 GM Elisabeth Pähtz 2472
3 W I M Veronika Kiefhaber 2054 0 : 1 I M Dinara Wagner 2495
4 Julia Scheynin 1963 0 : 1 GM Antoaneta Stefanova 2308
5 Anna Juszczak 1809 0 : 1 I M Mai Narva 2411
6 Anja Landenberger 1657 0 : 1 WGM Josefine Heinemann 2275

Die Partien verliefen dann nach und nach eher unerfreulich: Anna geriet nach einem Eröffnungsfehler schnell in die Defensive und erlag einem Mattangriff. Anja hatte im Londoner System unter ungünstigen Bedingungen die Dame getauscht, konnte aber die Lage stabilisieren, da ihre Gegnerin den thematischen Bauernvorstoß b6-b5-b4 unterließ. Sie fand jedoch die passende Fortsetzung nicht und wurde überspielt. Julia versuchte einen Angriff am Königsflügel aufzubauen und stand ziemlich aktiv. Ihre Gegnerin gab daraufhin unerwartet die Qualität, und obwohl Julia vielleicht einen Zug zu früh zugriff, begannen wir nun zu hoffen. In dieser offenen, zweischneidigen Stellung kam das Ende schon vier Züge später durch einen Figurenverlust. Veronika hatte im Königsinder nach 20 Zügen eine stabile Stellung, allerdings mit nur wenig aktiven Möglichkeiten, erreicht. Ihre Figuren standen jedoch recht unkoordiniert, so dass schließlich zwei Bauern am Damenflügel verloren gingen und die Partie nicht mehr zu halten war. Jessica hatte gegen den zurückhaltenden Aufbau ihrer Gegnerin eine solide Stellung aufgebaut; und nachdem sämtliche Zentralbauern vom Brett verschwunden waren, hatte sie im 22. Zug sogar eine richtig aussichtsreiche Position; nach einigen kleinen taktischen Fehlern ging dann auch noch diese Partie verloren. Das 0:6 ist gefühlt etwas zu hoch; wir hätten mindestens zwei Remisen verdient gehabt.

Am Samstag wurde es nicht leichter, obwohl wir mit Manuela und Tatiana jetzt vollzählig antreten konnten.

  SK Schwäbisch Hall 2413 6 : 0   Karlsruher SF 1853 1966
1 GM Bela Khotenashwili 2382 1 : 0 W I M Manuela Mader 2189
2 GM Nino Batsiashvili 2481 1 : 0 WGM Jessica Schmidt 2179
3  I M Lela Javakishvili 2485 1 : 0 Dr. Tatiana Rubina 1998
4  I M Irina Bulmaga 2388 1 : 0 Julia Scheynin 1963
5  I M Ekaterina Atalik 2391 1 : 0 Anna Juszczak 1809
6  I M Anna Matnadze 2350 1 : 0 Anja Landenberger 1657

Diesmal war Julia zuerst fertig. Obwohl sie die Eröffnung nicht optimal gespielt hatte, erreichte sie nach 25 Zügen eine offene Stellung, in der sie einen Freibauern auf e4 besaß und ihr – zuvor – schwacher Franzosenläufer den weißen Springer auf e4 neutralisierte. Nach weiteren fünf Zügen hatte sie den Läufer auf das scheinbar ideale Feld d5 manövriert, wurde aber von einem Springeropfer auf f5 überrascht und die Stellung brach zusammen. Tatianas Partie entzieht sich einer genauen Analyse; beide Spielerinnen machten zahlreiche „komische“ Züge, die entweder natürlich aussahen und schlecht waren, bzw. umgekehrt. Irgendwie gelang es ihrer Gegnerin dann doch, Druck am Königsflügel aufzubauen und im Mattangriff zu gewinnen. Anna war mit einer soliden und angenehmen Stellung aus der Eröffnung gekommen, so dass ihre Gegnerin zu etlichen „krummen“ Zügen greifen musste, um ihr Spiel am Laufen zu halten. Leider spielte Anna mit zu viel Respekt vor der großen Gegnerin und zog sich mehr und mehr zurück, statt nach vorne zu spielen. So geriet sie positionell in Nachteil und ging dann auch noch im Mattangriff unter. Jessica hatte sich einen Gambitbauern auf c4 gekrallt, fand aber nie so richtig ins Spiel. Als sie in der Zeitnotphase etwas Aktivität entwickelte, war es jedoch schon zu spät, und schließlich brach ihr Königsflügel auseinander. Manuela spielte sehr forsch auf und prügelte ihren Bauern bis nach b6; leider entpuppte sich das Ganze aber als Windei. Daraufhin versuchte sie mit einem verzweifelten Springeropfer an den gegnerischen König heranzukommen, doch irgendwann brach das Kartenhaus einfach zusammen. Die längste Partie des Tages spielte Anja. Diesmal entstand das Londoner System im Nachzug gegen eine Art Königsfianchetto, und mit den Erkenntnissen des Vortags gelang ihr der gleiche Damentausch unter wesentlich günstigeren Bedingungen. Der DWZ-Unterschied von 700 (!) ließ ihre Gegnerin wohl glauben, der Sieg würde ihr in den Schoß fallen, aber weit gefehlt! Anja manövrierte hervorragend, und ihre Gegnerin traute sich nichts zu unternehmen, sondern zog auch nur hin und her. Anja schaffte knapp die erste Zeitkontrolle, doch schon um Zug 50  spielte sie nur noch mit dem Inkrement. Ihre Gegnerin scheute jedes Risiko – zwischenzeitlich war ein Läuferopfer für drei Bauern möglich, um die eigenen Damenflügelbauern vorzuschieben, was zumindest praktisch gute Chancen geboten hätte. Im 99. Zug legte die Gegnerin dann die Bauernstellung derart fest, dass es keinen brauchbaren Hebel mehr gab, und stellte ihren Springer nach e5. Im 100. Zug, als eigentlich jede Gefahr abgewendet schien, war Anja dann so zermürbt, dass sie den Springer per Qualitätsopfer vernichten zu müssen glaubte. An den Handys im Analyseraum zitternd die Partie verfolgend, brachen wir jetzt verzweifelt zusammen. Das durfte nicht wahr sein! Ihre Gegnerin witterte nun die Chance, mit dem König am Damenflügel einmarschieren, doch Anja fand nicht die Chance, ihren König nach c7 zu bringen. So kam sie mit dem König nach f3, doch die Weiße eroberte derweil den Bauern b7, und nach 128 Zügen musste sie aufgeben. Trotzdem war sie unsere Heldin des Tages. Nicht das größere Können, sondern die besseren Nerven hatten entschieden. Auch dieses 0:6 war gefühlt etwas zu hoch; wir hatten zumindest an zwei Brettern etwas „drin“ gehabt.

Unser Reisepartner Baden-Baden gewann das Parallelspiel gegen Deizisau mit 4½:1½.

Die Schlussrunde am Sonntag brachte uns dann mit Deizisau zusammen. Obwohl wir auch hier nach den Wertungszahlen um 200 Punkte unterlegen waren, rechneten wir uns doch gewisse Chancen aus – und das nicht zu Unrecht, wie sich zeigen sollte.

    Karlsruher SF 1853 1966 :   SF Deizisau 2170
1 W I M Manuela Mader 2189 0 : 1 WGM Hannah Marie Klek 2349
2 WGM Jessica Schmidt 2179 1 : 0  I M Zoya Schleyning 2353
3 Dr. Tatiana Rubina 1998 ½ : ½ WGM Elena Köpke 2232
4 Julia Scheynin 1963 0 : 1 Angelika Valkova 2061
5 Anna Juszczak 1809 0 : 1 W I M Mara Jelica 2037
6 Anja Landenberger 1657 0 : 1 Simona Gheng 1988

Diesmal erwischte es Anja zuerst. Nach gut 20 Zügen waren alle Leichtfiguren sowie ein Turmpaar abgetauscht und die Stellung schon ziemlich verflacht; ihre Gegnerin beherrschte jedoch die offene d-Linie. Anja hätte nun einen Bauern geben können, um ihre Dame unter Turmtausch zu aktivieren, ließ stattdessen die beiden schwarzen Leichtfiguren auf ihre Grundlinie und konnte das Matt nicht mehr verhindern. Julia spielte aus der Eröffnung heraus sehr passiv, verlor einen Bauern auf d3 und beendete die Partie, als sie im Blackout ihre Dame stehen ließ. Es war einfach nicht ihr Tag. Unseren ersten zählbaren Erfolg an diesem Wochenende verbuchte Tatiana. In einer französischen Partie bemühte ihre Gegnerin sich krampfhaft, Theorie-Hauptvarianten zu vermeiden, konnte sich zwar das Läuferpaar sichern, musste aber einen Isolani auf d4 hinnehmen. Tatiana bewahrte die Nerven und tauschte alles ab, worauf ihre Gegnerin – mit einem ungleichfarbigen Läuferendspiel in Sicht – Remis anbot. Anna hatte nach knapp 30 Zügen eine ziemlich verflachte Blockadestellung mit nur einer offenen Linie erreicht, fand aber die richtige Aufstellung für ihre letzten drei Figuren nicht und erlaubte ihrer Gegnerin, einen Freibauern auf der d-Linie zu bilden. Als ihre Gegnerin noch unentschlossen hin und her zog, übersah Anna zu allem Überfluss auch noch im 57. Zug die Möglichkeit, eine dreimalige Stellungswiederholung reklamieren zu können und unterlag. Auch bei Manuela durfte man sich nach einem schwierigen Eröffnungsverlauf Hoffnungen auf etwas Zählbares machen. Sie hatte – um sich zu befreien – einen Bauern geopfert, während der gegnerische König noch unrochiert in der Mitte stand. Doch der positionelle Vorteil verflog, der materielle Nachteil blieb, und am Ende stand auch hier die Null. Zu guter Letzt war es an Jessica, uns doch noch mal jubeln zu lassen. Sie hatte in einem komplizierten Mittelspiel einen Bauern erobert – ihre Gegnerin wollte mit Gewalt angreifen, aber den Namen „Opfer“ verdiente die Aktion wohl nicht. Nach einigen Irrungen und Wirrungen landete sie in einem Turmendspiel 3 gegen 2, in dem ihre Gegnerin sich schließlich unbedrängt ans Messer lieferte.

Unser Reisepartner Baden-Baden verlor das entscheidende Parallelspiel gegen Schwäbisch Hall mit 2:4 und musste sich dadurch mit dem Vizemeistertitel begnügen. Wir schwänzten die Siegerehrung, um nach der Rückreise noch unseren staatsbürgerlichen Pflichten nachkommen zu können.

Der SC Bad Königshofen hatte eine weitestgehend schöne Endrunde organisiert. Der Spielsaal war ausreichend groß, belüftet und beleuchtet. Die sechs Kämpfe fanden an sechs Tischreihen statt und boten den Zuschauern Einblick von beiden Seiten. Während der Partien gab es, neben den üblichen Getränken, ein kaltes Büffet mit schönen selbstgemachten Häppchen, dazu am Freitagabend einen Grillabend vor der Frankentherme (für den wir jedoch um einen „finanziellen Beitrag“ gebeten wurden) sowie am Samstagabend ein gemeinsames Abendessen aller Mannschaften in einem Restaurant am Marktplatz, in einem Gebäude mit historischem Ambiente.

Problematisch war dagegen die Live-Übertragung, die am Freitag – angeblich wegen eines Stromausfalles kurz zuvor – ein Totalausfall war und erst eine Stunde nach Beginn der Samstagsrunde ins Laufen kam, dann aber fast störungsfrei funktionierte und nur bei Jessicas Sonntagspartie im spannendsten Moment zusammenbrach.

Außerhalb des Spielsaals hatte man eine originelle Raumaufteilung gefunden, die den Spielerinnen durch die hintere Tür des Spielsaals den direkten Zugang zum kalten Büffet und zu den Toiletten erlaubte. Wer sich aber im für Spielerinnen verbotenen Analyseraum gegenüber der vorderen Eingangstür aufhielt, musste den Turniersaal durchqueren, um zum kalten Büffet oder den Toiletten zu gelangen. „Die FIDE will das so“, argumentierte die Frauenreferentin des DSB – es ist m. E. aber keine gute Idee, sich hinter Regeln zu verstecken, wenn einem keine richtige Begründung einfällt.

Bei einer Mannschaftsleitersitzung wurde eine obligatorische Live-Übertragung abgelehnt. Die Rückführung der Kader auf 14+2 Plätze soll auf Wunsch der großen Vereine (vor allem Hamburg, Baden-Baden und Königshofen) auf 2025 verschoben werden.

Da keine Rückzüge zu erwarten sind, werden wir nächste Saison in der 2.FBL antreten.

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